Nationalmannschaft: WM-Quali-Tagebuch 6

27. Mai 2022 (Lettland - Valmiera)
Geschichte wird geschrieben. Heute auch in Koceni.

 

Wo anfangen, wo aufhören an einem solchen Tag. Irgendwie können wir es immer noch nicht ganz fassen. Endlich wieder gewonnen. Es fühlt sich gut an, momoll. Und ja, wir geben es zu: Ein paar gestandene Männer hatten rote Äuglein nach Spielschluss. Aber wer dabei war, bei dieser unglaublich langen Reise von zwölf Jahren ohne Sieg, mit demütigenden Niederlagen wie dem 0:35 gegen die Tschechen in Slowenien oder hoffnungslosen Abwehrschlachten gegen die Finnen oder Norweger, dem ging das schon nah. Aber jetzt: Alles vergessen. Die Uhr steht auf Null. Wahnsinn. Und noch ein bisschen weitergedacht: Hätten wir im zweiten Spiel gegen Polen gewonnen, was durchaus – mit dem nötigen Glück – auch möglich gewesen wäre, würden wir am Samstag gegen Frankreich um die WM-Teilnahme spielen. Gegen jenes Frankreich, gegen das wir vor zwei Jahren 2:0 führten und uns dann leider die Kräfte ausgingen… Aber egal, wir sind happy, dass wir nochmals antreten dürfen. Da nehmen wir auch das frühe Aufstehen (Frühstück 7 Uhr) in Kauf.

 

Die Gratulationen trudelten von überall her ein. Darunter waren auch viele ehemalige Spieler, einige sogar, die vor zwölf Jahren zuletzt dabei waren. An dieser Stelle: Herzlichen Dank an alle, die sich mit uns gefreut hatten. Und sogar die grossen Schweden, die heute neben uns die Kabine hatten, gratulierten uns. Das erlebt man auch nicht alle Tage. Schon als sie beim Spiel kurz vorbeischauten, machten sie grosse Augen ob unserer «Döner-Bude», sprich der mobilen «Tüechli»-Station (wir berichteten im gestrigen Tagebuch). Chefcoach Niklas Nordén wollte denn auch wissen, was für ein Geheimnis dahintersteckt. Unser Physio Marcel liess sich aber nix entlocken. Miraculix gibt ja sein Geheimnis für den Zaubertrank auch nicht preis.

 

Auch Cheftrainer Marco Kipfer brachte das Strahlen nicht aus dem Gesicht. Seinen Einstand im Liechtensteiner Team gab er vor sechs Jahren in Slowenien bei der erwähnten Klatsche gegen Tschechien. «Jose Mourinho von Liechtenstein, haben sie dir schon eine Statue gebaut? Oder eine Strasse nach dir benannt?», fragte sein letztjähriger Spieler Asser Jääskeläinen schon scherzhaft nach dem 2:4 gegen Polen. Nach dem historischen Sieg sollte dies nun drin liegen. Oder zumindest ein roter Teppich bei seiner Ankunft im Büro nächste Woche.

 

Die Halle in Koceni haben wir auch ohne den heutigen Sieg schon ein wenig in unser Herz geschlossen. Klein, herzig, rustikal, irgendwie wie man sich eine Halle in Lettland vorstellt – in den Achtzigerjahren. Böse Zungen behaupten schon, es seien in diesem Jahr nur 15 Spieler auf dem Matchblatt zugelassen, weil mehr gar nicht in den Garderoben von Koceni Platz hätten… Und noch bösere Zungen behaupten, dass im Team Liechtensteins einige Spieler sehr glücklich darüber seien, dass keine Video-Interviews nach den Partien gedreht werden. Wir sagen da nur, «shoot low, win high». Gross war die Freude bei den Mannschaften heute auch, als endlich die Kaffeemaschine im Mini-Foyer geflickt wurde. Sofort bildeten sich lange Schlangen, um sich einen 1-Euro-Kaffee zu schnappen. Zehn Minuten später war die Maschine erneut kaputt… Und ja, der «Pseudofranz» hat nach drei Tagen Suchen auch den «VIP-Raum» gefunden. Es ist der gleiche Raum, wo auch die Schiris ihre Meetings abhalten und wo man durchläuft, wenn man auf die Tribüne gelangen will. Das VIP-Angebot: Eine Kaffeemaschine und ein paar Früchte.

 

Fast jeden Tag wäre die kurze Busreise vom Hotel zur Halle eine Geschichte wert. Heute fuhr ein Linienbus vor, der uns nach Koceni führte. «Amol Halle, bitte», hiess das Motto. Das Ganze hatte was von einem Schulbus, zum Glück war der Fahrer, der sich übrigens vielmals entschuldigte, dass er heute nur einen ÖV-Bus bekam, seriöser drauf als «Otto», der Busfahrer bei den «Simpsons». Gestern hatten wir etwas mehr Bedenken bei der Rückfahrt. Das altehrwürdige Gefährt hat vermutlich seine besten Zeiten erlebt, als Queen Elizabeth den Thron bestieg. Bei den ersten beiden Gängen «spielte» das Getriebe noch mit, jedes weitere Gangschalten war nur mit Gewalt und mehreren Anläufen des Drivers möglich. «Ich hatte Angst, dass er bald nur noch den Ganghebel in der Hand hält», sagte der bleiche Coach Kipfer nach dem Aussteigen. Wir waren froh, dass heute Morgen die Norweger in diesen Bus einsteigen mussten…

 

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